Das „Zauberlehrlings-Prinzip“ und die Causa Nawalny

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Als am 16. April 1917 gegen 23.00 Uhr der Nachtzug am Finnischen Bahnhof in St. Petersburg einfuhr, erwartete den berühmten Reisegast eine Ehrenformation von Soldaten aus Kronstadt und ihm wurde ein Blumenstrauss in die Hand gedrückt. Anders als die provisorische Regierung Russlands nun aber angenommen hatte, würde sich der Mann nicht der aus einer  bürgerlichen Revolution hervorgegangenen Regierung Kerenski anschließen, sondern er verkündete, dass nun die Zeit der „Sozialistischen Weltrevolution“ angebrochen sei. 

Der Mann, der sich Lenin nannte, hatte gut reden, wurde seine Reise aus dem Schweizer Exil durch die deutsche Oberste Heeresleitung organisiert und sein Eingreifen in die russische Innenpolitik großzügig mit bis zu 50 Millionen Reichsmark unterstützt. Das Konzept des „Regime-Change“ durch das Einschleusen populistischer Politiker und deren materielle Unterstützung ist während der darauffolgenden hundert Jahre sehr oft erfolgreich kopiert worden. 

 

Meist leiden die Initiatoren solcher Machtwechsel an der Kurzsichtigkeit über die Folgen des eigenen Handelns. Unter dem Druck rascher politischer Bedürfnisbefriedigung und in Anbetracht der Endlichkeit des eigenen Lebens begehen sie den gleichen Fehler wie Goethes Zauberlehrling 1797, dessen Machtstreben durch die Unbeherrschbarkeit des eigenen Wunsches konterkariert wurde. Ähnliche Schicksale wären also vielen Völkern, Politikern und letztlich den darunter leidenden Menschen erspart geblieben, hätte man innerhalb der politischen Entscheidungskräfte Personen, die der Geschichte mächtig oder wenigstens belesen wären. Selbst wenn Letzteres der Fall sein sollte, hatten sich aber immer andere Beweggründe vor die grundlegenden Erkenntnisse der Menschheit gedrängt, deren kinderleichte Zusammenfassung lautet: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ 

Eigentlich müsste man doch nun inzwischen schlau genug geworden sein, weil sich zum Beispiel Lenin, Saddam Hussein, die Mudschahedin, Al-Quaida, der Islamische Staat, Viktor Poroschenko und so mancher afrikanische Potentat nicht an die Hand erinnerten, die sie einst gefüttert hatte, sondern irgendwann hinein bissen. Auch die Versuche, Nordafrika nach der „vorschussbelorbeerten“ Rede Obamas 2009 in Kairo mithilfe arabischen Frühlingserwachens ab  2010 von den Diktaturen zu befreien, scheiterten am „Zauberlehrlings-Prinzip“. Als Friedensstifter mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, führte Obama die Kriege im Nahen Osten fort und schuf neue Konflikte, die bis heute andauern. 

Eine ähnliche Lektion bekamen 17 Mio. Menschen in der DDR nach 1952, als sich die CDU unter Adenauer lieber für den Wohlstand im Westen statt für eine Wiedervereinigung Deutschlands entschieden hatte. Mit der gleichen Attitüde, mit der die Transatlantiker sich heute lieber für dreckiges Fracking-Gas aus Nordamerika entscheiden, damit Putin keinen strategischen Vorteil bekommt, überließ man die Menschen in der DDR in Abkehr zur Präambel des Grundgesetzes der Macht Moskaus. Ein Schicksal wie es Schweden, die Schweiz oder Österreich teilten, kam für die CDU nicht infrage. Man sah sich lieber protestierend das Scheitern des Arbeiteraufstandes 1953, den Bau der Berliner Mauer und dessen Folgen an, als einen souveränen, wenn auch beschwerlicheren Weg in die Einheit zu gehen. 

Erst Willy Brandt war gelungen, die Scheuklappen abzulegen und den Osten Europas als Chance zu begreifen. Dieser Sichtweise hat sich dann 1989 der pragmatische Helmut Kohl nicht entziehen können und nannte den Generalsekretär der KPdSU einen „Freund“. Dass es mit der Freundschaft zwischen Deutschen und den Russen nicht so weit her war und man eher eine „Zweckehe“ eingegangen war, wie Roosevelt und Churchill nach 1941, merkten die Russen in den 90er Jahren, als ihnen der Westen ob der eigenen Wehrlosigkeit auf den Pelz rückte und Russland zu einer Regionalmacht degradieren wollte. Einer der Weitsichtigen unten den politischen Beratern war Egon Bahr, der 1999 erkannte: „Es gibt keine Stabilität in Europa ohne die Beteiligung und Einbindung Russlands. Und ich weiß genau, dass Russland nicht so schwach bleiben wird, wie es im Augenblick ist. Wir können im Prinzip jetzt alles tun, was wir wollen, Russland kann es nicht verhindern, es ist zu schwach. Aber ich warne davor, ein großes stolzes Volk zu demütigen.“

Wenn man schon selbst nicht zur Weisheit tendiert, darf man doch aber nicht gleichermaßen darauf schließen, dass andere ebenso wenig aus der Geschichte lernen könnten. Natürlich kann man sich wie ein bockiges Kind verhalten und immer wieder den gleichen Fehler machen, bevor einem Kopfschmerzen signalisieren, dass das Anrennen gegen eine Wand irgendwie kontraproduktiv ist. Solange dieses Bestreben allerdings von den Steuergeldern der  Menschen bezahlt wird und der eigenen Karriere förderlich erscheint, wird man allerdings nicht müde, es immer wieder zu versuchen. Selbst, wenn das Scheitern programmiert ist, verdienen irgendwelche Menschen daran - also wird es gemacht.

Im Falle Alexei Nawalnys wird das geschichtslose Bestreben des Westens an der Nase durch den Ring gezogen: Ein kleines Eichenblatt hatte seinerzeit Siegfrieds angebliche Unverletzlichkeit ad absurdum geführt und die winzige Lücke im Schutzschild aus Drachenblut wurde durch seinen Gegner eiskalt ausgenutzt. Eine Moral lautete damals wie heute: sei vorsichtig bei der Auswahl deiner „Freunde“. 

Die Installation Nawalnys als neuen Volkstribun wird auch angesichts zahlreicher Proteste gegen das Putin-Regime 2021 nichts daran ändern, dass der „große Bahnhof“ bei Rückkehr des Geschundenen nur dazu taugte, dessen politische Unzulänglichkeiten zu verschleiern. Ebenso wie es im Herbst 1989 in Leipzig nicht vordergründig um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte gegangen war, wie sie der Westen verstand, sondern um das Recht, so leben zu können wie es im Westen seit 1952 möglich war, geht es den Russen in erster Linie nicht um Nawalny sondern um Wohlstand, den sie den Einen missgönnen und selbst gern hätten. In bester Manier der Anerkennung der Maslowschen Bedürfnishierarchie, versucht die Außenpolitik des Westens nun, die Protestbewegung zu kapern und dabei scheint, in bewährter Art des Kalten Krieges, jedes Mittel recht.

Während man hier versucht, Nawalny als einen russischen Helden aufzubauen und mit einer unschlagbaren Vita zu versehen, aus der theoretisch ein Volksheld hervorgehen könnte, scheint es mit der Nibelungentreue des Westens nicht so gut bestellt. Da sich im liberalen Kalkül schon immer Interessenpolitik vor Verpflichtung, das „Fressen vor die Moral“ (Brecht) gestellt hatte, konnte zum Beispiel der Untergang Polens 1939 durch die Schutzmacht Frankreich nicht verhindert werden - Krieg war schlichtweg demokratisch nicht durchzusetzen. Die gleiche Lektion hatten die Deutschen gleich zweimal von den Italienern gelernt, die Kurden von den Amerikanern, Cäsar von Brutus und Jesus von Judas. 

Sollte sich Nawalny also „siegfriedsgleich“ im Schutzes des Westens auf den Rückweg in ein Land gemacht haben, das ihm angeblich vorher nach dem Leben getrachtet hatte, wäre ihm eigentlich nur zu helfen, wenn die Lagerhaft von vornherein Teil eines „Karriere-Deals“ gewesen wäre und das protestierende Geschrei des kleinen deutschen Außenministers zur Dramaturgie für einen noch besseren Lebenslauf gehörte. In Anbetracht der Strafe - Lagerhaft in Russland - muss ein solches „Spiel“ ein Fehler sein, wobei solche Inhaftierungen in Saudi-Arabien nie und in China  oder der Türkei nur dann stören, wenn die Kanzlerin nicht gerade auf Geschäftsreise oder beim „Flüchtlingsdealen“ ist.

Sollte sich der zukünftige russische Messias allerdings darauf verlassen haben, dass der Westen die Macht besäße, Russland zu trotzen, hat er die Rechnung ohne die SPD und ihre norddeutsche Landesmutter gemacht, deren politische Ambitionen durch ein Rohr in der Ostsee beeinflusst sind - und ohne Sputnik V. Dieser Impfstoff hat das Potential die gleiche Rolle zu spielen, wie Katharina die Große 1762 für Preußen, Alexander I. 1813 für Deutschland und  Stalin, einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts ab 1943, für Europa: uns „den Arsch zu retten“. 

Freundlicherweise haben solche „Nebensächlichkeiten“ keine besonders lange Wirkung. Aber selbst wenn man sich auf die transatlantische Reinkarnation verlassen sollte, dessen  blasse „Lichtgestalt“ nach dem Höllenritt des „irren Präsidenten“ auf die Erde zurückgekehrt zu sein scheint, wäre Nawalny wohl besser beraten, es Salman Rushdie oder Fethullah Gülen gleichzutun und Schutz und politische Aktivität dort zu genießen, wo er möglich ist. Ich nehme an, dass ein Asylantrag Nawalnys in Deutschland auf fruchtbaren Boden gefallen wäre, wie das ja de facto jedem gelingt, der nicht wieder zurück in ein Land will, das er verlassen hat. Stattdessen geht der mutige Mann zurück ins Reagansche „Reich des Bösen“, dessen teuflischer Vertreter der „lupenreine Demokrat“ Wladimir Putin geworden ist, seit dieser die Ausbreitung des Westens durch NATO und EU verhindert hat. Während man Putin 2001 im Deutschen Bundestag noch als Nachfolger des torkelnden Jelzin gefeiert hatte, weil man seine Unterstützung im „Krieg gegen den Terror“ oder anders ausgedrückt im „Kampf der amerikanischen Rohstoff- und Militärkonzerne um die Herrschaft über die Welt“ benötigte, entpuppte sich der undankbare KGB-Agent keineswegs als Marionette sondern als Mitspieler. Als aus dem Mitspieler ein „G8-Konkurrent" wurde und aus der Männerfreundschaft mit Gerhard Schröder eine Geschäftsbeziehung, machte der Westen Schluss mit Lustig und wollte 2013 in einer erneuten Blaupause der leninistischen Revolution die Ukraine zu einem westlichen Vorposten im Vorgarten Russlands machen. Auch engagierte man sich nun aus amerikanischer Sicht endlich im Krieg gegen den Terror und verteidigte die „Freiheit unserer Demokratie fortan am Hindukusch". (Die Sinnlosigkeit der militärischen Option in diesem Land hatten die Russen in einer bitteren Weise zwei Jahrzehnte vorher gelernt. Kein Grund für den Westen, schlauer zu sein. Siehe Vietnam.)

Als sich Putin klar werden musste, dass der Westen Weltpolitik machte und Russland selbiges nicht zustand, machte er deutlich, dass „Totgeglaubte länger leben“. Er machte es klar, weil er musste und weil er es konnte. Westeuropa hatte die Kosten und die Strategie für die Sicherheit des Kontinents jahrzehntelang den Amerikanern aufgehalst und aus ihren Streitkräften veraltete Pensionen für militärischen Schrott werden lassen, während Russland aufrüstete.

Andererseits hatte man im Westen nun aber endlich das alte Feindbild zurück, welches über 40 Jahre die außenpolitischen Doktrinen vereinfacht und das Geld verdienen im Sicherheitsbereich so einfach gemacht hatte. In Ermangelung eines echten Feindes schien Deutschland „nur noch von Freunden umgeben“, weshalb man sich ja dazu entschlossen hatte, die Wehrpflicht ab- und Kindergärten, Genderbeauftragte und schwangerengerechte Einstiegsluken für Panzerfahrzeuge in der Bundeswehr anzuschaffen. 

Als Putin dann auch noch die Krim besetzen und deren Bevölkerung darüber abstimmen ließ, zu welchem Land die Halbinsel denn nun gehören wolle, kam natürlich keinem in den Sinn, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch für Russen gelten könne. Während man auf die juristisch völkerrechtswidrige Annexion der Krim Sanktionen folgen ließ, blieben diese nach dem verlogenen Angriffskrieg der USA auf den Irak, beim Einmarsch der Türkei in Syrien und Armenien und beim Krieg der Saudis im Jemen natürlich aus. 

Und an dieser Stelle, spätestens hier, ist es hilfreich zu schauen, wen der Westen nun zum „Retter Russlands“ aufbauen will und zurück in dieses Land schickt:

Alexei Nawalny ist ein Rechtsanwalt, der seit 2009 gemeinsame Sache mit Nationalisten, Neonazis und Rassisten gemacht hat, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Erst seit 2013 nimmt Nawalny nicht mehr an den „Russischen Märschen“ teil - ein Zeitpunkt also, ab dem er sich selbst als „nationalistischen Demokraten“ bezeichnet und ihm Sätze wie: „Die Kaukasier sind Kakerlaken“ (2007) nicht mehr so übel genommen werden. Die AfD wäre stolz über ein solches „Entgegenkommen“ bezüglich bestimmter Zitate. Nawalny teilt europäische Werte nicht - Toleranz und Gleichberechtigung von Bevölkerungsgruppen scheinen ihm fremd und die „russische Krim“ sieht er als Korrektur eines historischen Irrtums an.

Aber wie oben schon erwähnt, ist der Westen wenig zimperlich, wenn es um die Personalauswahl geht und man kurzzeitige Interessen durchsetzen will. Will man den Teufel besiegen, müsste man schon den Herrgott aufbieten. Dieser ist aber nicht interessiert, weil ihm dann ja ebenso das Feindbild fehlen würde, um seine „Schäfchen“ zu manipulieren.

Bekommt man keinen„Apostel“, sucht man einen aus dem Gefolge des Teufels, dessen Biografie weniger wichtig ist als der Ehrgeiz, dem Satan die Stirn zu bieten und an seine Stelle zu treten. Insofern war und ist zum Beispiel die Stauffenbergsche Zielsetzung für die Zukunft  Deutschlands nach Hitler zunächst unwichtig, Hauptsache, der Teufel würde über die Klinge springen. Könnte man die Assad-Familie und mit ihnen die Russen aus Syrien vertreiben, würde sich auch die anfängliche Investition in den Aufbau der ISIS-Organisation rechnen. (Achtung: Zauberlehrling) 

Wenn die einzige Alternative zu Putin, dessen „Zar-Werdung“ nun einigermaßen festgeschrieben ist, Nawalny sein soll, kann man eigentlich nur beten, dass es Putin gelingen möge, den Deckel auf „Pandoras Box“ zu drücken. Es sei denn, Putin ist dem Westen nicht aggressiv genug und man will Nawalny als echten Herausforderer auf dem Zarenthron sehen. Dass sich sowohl Putin als auch Nawalny gegenseitig der Korruption beschuldigen, klingt so, als würde sich Honecker über Hitlers Fackelaufmärsche aufgeregt haben oder Colin Powell würde Donald Trump Fake-News vorwerfen.

Zum Schluss ein paar historisch belegbare Grundweisheiten, die der deutschen Außenpolitik nach Schröder / Fischer abhanden gekommen sind:

 

  1. Gegen Russland kann man nicht gewinnen. Man kann nur mit Russland gewinnen.
  2. Die Mitte Europas liegt weiter im Osten als angenommen.
  3. Der Feind deines Feindes ist nicht automatisch dein Freund.
  4. Wer den Feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig. 
  5. Geh’ niemals mit deinen eigenen Regeln in ein fremdes Kloster. (russisches Sprichwort)

 

PS: Sollte Europa nicht der „Wurmfortsatz“ Chinas werden wollen, wie es fast durch das gesamte Mittelalter hindurch der Fall war, liegt die Lösung wohl eher im Osten als im Westen. Ob man sich auf die historische Feindschaft zwischen Moskau und Peking verlassen kann, wird entschieden, in welcher Rolle Europa in den Osten schaut - als Freund oder Feind. Einen Nawalny als Freund zu sehen, war weder dem Zauberlehrling bezüglich des Besens noch Deutschland in Bezug auf Lenin bekommen.