Präsenz über alles

Wie immer lese ich sehr aufmerksam, welche Informationen aus meinem Ministerium zur Bewältigung der aktuellen Lage kommen und ich muss sagen - ich bin sehr enttäuscht. Solange Schulen voll besetzt sind und wir keine flexiblen Lösungen haben, werden die Opfer, die Gastronomie, Kunst und Kultur im Augenblick bringen, verpuffen.
Natürlich ist diese Situation komplex und niemand hat fertige Konzepte. Einfache Lösungen gibt es nirgends und niemand verlangt, dass Regelungen einfach sind. Die Doktrin, die im Falle der Schulen durchgesetzt wird, ist nicht nur „zu einfach“ für das komplexe Problem, sie ist auch das Konterkarieren dessen, was als Ausrede für flexible lokale Lösungen herangezogen wird - Bildungsgerechtigkeit.
Unter dem Deckmantel des genannten Begriffes werden alle Schulen und alle SuS des Landes über einen Kamm geschoren, obwohl jedem klar sein dürfte, dass es sehr große Unterschiede zwischen SuS gibt die 6 oder 16 Jahre alt sind. Darauf wird keinerlei Rücksicht genommen - für alle Kinder gibt das gleiche Prinzip: „Präsenzunterricht vor jeder anderen Lösung“.
Diese Formel lässt sich zwar leicht implementieren, weil mit einem Brief alles gesagt ist, jedoch trägt sie der Unterschiedlichkeit der Bedingungen eben keine Rechnung. Während man die Schulen, was die Hygienekonzepte angeht, relativ alleine lässt (man würde ja vor Ort die Gegebenheiten besser kennen als in der Zentrale), traut man uns die gleiche Subsidiarität bei der Erfüllung des Lehrauftrages nicht zu.
Die Aussage, dass soziales Miteinander für SuS genauso wichtig sei, wie die Organisation von Bildung schlechthin - ist pauschalisierend für alle Altersstufen schlicht nicht tragbar und dient bei der Forderung nach vollen Klassen auch nur als schwaches Argument für einen gewissen Teil der Schülerschaft.
Die Ungerechtigkeit, die inzwischen entsteht, weil Kinder oder KuK in Quarantäne (inzwischen deutschlandweit über 300.000 Kinder) sind, kann man nun kaum noch schön reden. Verantwortung gegenüber den SuS, den Kollegien, die in dieser Jahreszeit in zugigen kalten Schulen sitzen müssen, deren Kommunikationsoptionen durch Maskenpflicht die Vorteile des Präsenzlernens ad absurdum führt, findet sich in den Vorgaben des MBJS nicht wieder.
Wir wissen, dass die Gesundheitsämter meist nicht mehr in der Lage sind, Kontakte nach zu verfolgen. Diese Strategie ist vielerorts gescheitert. Die Eltern sind unsicher, ob sie sich oder ihre Familien durch ihre Kinder der Gefahr der Infektion aussetzen können, weil absolute Intransparenz herrscht. Meinen Sie, dass Angst, zur Schule zu gehen, den „Vorteil der sozialen Nähe“ nicht aufhebt? Die psychischen Schäden, die Kinder durch soziale Isolation davon tragen können, werden benutzt, um Präsenzunterricht zu begründen. Was ist mit der Angst, die beim Lernen ständiger Begleiter ist? Das gilt übrigens auch für die KuK.
Natürlich spielen hier vor allem juristische, politische und ideologische Hintergründe eine Rolle, warum Ministerien so reagieren. Leider werden o.g. Indikationen über pädagogische, psychologische oder soziale Erwägungen gestellt, aus einer Angst heraus, man könne die Abschlüsse anfechten und sähe sich einer Flut von Klagen gegenüber. Während es in allen anderen Bereichen des Lebens Eingriffe in die „Normalität“ geben darf, soll das im Bildungssystem nicht gesehen. Hier traut man 17jährigen Schülern nicht zu, zu Hause selbstständig zu lernen und drei Monate später muss der gleiche Schüler dies an einer Universität beherrschen, weil dort gar keine Präsenzlehre stattfindet.
Die Argumentation, dass soziale Nähe entscheidend für den Lernerfolg sei, widerspricht sich zumindest innerhalb der Altersspanne.
Es ist Zeit für einen Strategiewechsel, den Profis vor Ort zu überlassen, wie wir Schule gemeinsam mit Elternhäusern und Schülerschaft organisieren. Wir haben demokratische Abläufe in unseren Schulen, wir sind professionell im Umgang mit den Beteiligten. Wir haben inzwischen das Know-How, die Fähigkeit, die Kompetenzen, den Leistungswillen und das nötige Berufsethos, Unterricht zu organisieren, der inhaltlich dem entspricht, was der Präsenzunterricht schon lange nicht mehr leisten kann. Wenn man sich im Unterricht wegen der Masken nicht mehr verstehen kann, wenn SuS den ganzen Tag durch die Maske beim kommunizieren behindert werden, konterkariert sich die Regelung selbst.
Die lächendeckende Pflicht für alle Jahrgangsstufen und Schulformen zum Präsenzunterricht muss aufgehoben werden. Die Ministerien sollen sich hinter uns Lehrkräfte stellen! Wir haben uns qualifiziert - selbstständig, ohne Anweisungen, ohne Equipment durch den Staat - einfach, weil wir gute Lehrerinnen und Lehrer für unsere SuS sein wollen. Wir haben während des ersten Lockdowns bewiesen, wie erfolgreich wir mit unserem Unterricht waren.
Ja, auch unter uns gibt es Menschen, die Probleme mit dem digitalen Lernen haben. Auch hier muss man flexibel reagieren können. Nicht alle Lehrkräfte werden aus individueller oder methodischer Sicht Onlineunterricht bevorzugen. Natürlich brauchen wir Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen, die diejenigen Kinder unterrichten, die das online nicht können.
Bildungsgerechtigkeit wird nicht dadurch hergestellt, wenn es allen Kindern und Familien gleich schlecht geht - gerecht ist, dass diejenigen, die in der Lage sind (das gilt für KuK, SuS und Elternhäuser), alternative Unterrichtskonzepte anzubieten, auch für ihren Fleiß belohnt werden. Je mehr Klassen zu Hause lernen können, umso mehr Platz ist in der Schule für Kinder, die das selbst - oder ihre Eltern - nicht können - umso weniger Infektionsrisiko gibt es. Das ist gerecht. Das ist Solidarität zwischen den Beteiligten.
Mir ist klar, dass eine Grundschule andere Lösungen haben muss als eine GOST, aber plädiere, dass diese Unterschiede erkannt und in Vorgaben umgesetzt werden, damit wir nicht darauf warten müssen, bis wir alle krank sind, sondern dass wir Unterricht machen können, ohne Angst vor Krankheit haben zu müssen und ohne das Hygiene die Kommunikation behindert.
Zusammenfassung:
Es geht nicht darum, das eine Konzept (Präsenzunterricht) durch ein anderes Konzept (Homeschooling) abzulösen - es geht darum, jeweilige Konzepte unbürokratisch flexibel einzusetzen zu dürfen, wo es einen pädagogischen, methodischen und sozialen Sinn ergibt.