Lockdown 2.0

Lockdown 2.0

 

Natürlich gibt es Ideen, wie man in der jetzigen Situation besser und möglicherweise gerechter reagieren kann. Überall gibt es Widersprüche und logisch ist wenig:

Man könnte zum Beispiel mit allen Schülerinnen und Schülern alle Gaststätten des Landes zumindest mittags offen halten, denn Schülerinnen und Schüler seien ja nach der Logik der Schulöffnung-Politik nicht infektiös und selbst, wenn sie dicht an dicht sitzen, könne ihnen das Virus nichts anhaben. Besonders im Sportunterricht am Vormittag fällt dieses Phänomen auf. 

Nur am Nachmittag dürfen die Kinder dann nicht mehr zusammen spielen oder Sport treiben. Während die Leute nicht zusammen mit mehr als 10 Personen irgendwo draußen stehen dürfen, stehen sie zu Hunderten in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Es ist schwierig zu begreifen, aber wie wäre die Alternative?

Richtiger Lockdown wie in Frankreich mit Ausgangssperren? Die Anzahl und Art der Kollateralschaden wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung von Kindern, Bildungsnachteile für etliche Kinder wären ebenfalls kaum zu verantworten.

 

Es gibt auch die Idee, dass man gar nicht reagieren müsste. Sollten die Krankenhäuser allerdings unter Druck geraten, ist die Idee  des „Laufenlassens“ schon mal erledigt und dann ist es besser, wenn man jetzt irgendwie reagiert - über das Wie kann man streiten. 

Die Verantwortung dafür, dass man überhaupt reagieren musste, tragen allerdings diejenigen, denen Corona am Arsch vorbei gegangen ist und die rücksichtslos ihren „Lifestyle“ durchgezogen haben (Partys, Massenevents, Reisen, etc.). Gegen die sollte sich der Frust richten. Das Bekloppte ist (und das scheint einigen "Kulturkreisen" besonders gut zu liegen), dass sich die Aggression gegen die „Feuerwehr“ richten und nicht gegen die „Brandstifter“. 

Wir haben es allerdings in der Hand, die "Idioten" zu erziehen, jeder Mensch, jede Familie, jeder Clan, jeder Ort ... dann brauchen wir keine Lockdowns und dann müssen weder Künstler noch Kneipenwirte leiden. Macht das Maul auf gegen "egoistische Ignorantenarschlöcher"!


Eigenverantwortung, wie es FDP oder AfD kommunizieren? In einer Gesellschaft voller Egoisten und Individualisten an Solidarität zu appellieren, ist das Gleiche wie dem Fuchs im Hühnerstall ins Gewissen zu reden, er möge Veganer werden. Deshalb haben wir jetzt wieder Lockdown. 

Der wird aber wahrscheinlich nicht helfen, deshalb wird er verlängert werden und vielleicht sogar noch härter werden, weil zum Beispiel an diesem Wochenende alle noch mal „die Freiheit genießen“ werden. Danke, ihr freiheitsliebenden Menschen. Was Freiheit bedeutet und welche Freiheiten wir hatten, merken wir erst, wenn sie weg sind. 

Mit der Freiheit verhält es sich ähnlich wie mit dem Skifahren - man mag probieren, es sieht so leicht aus und man ist anfänglich berauscht von der Geschwindigkeit. Solange das Terrain eben ist und das Wetter gut, scheint es auch prima zu funktionieren, doch spätestens wenn Hindernisse im Weg stehen, Nebel aufzieht oder Buckel erscheinen, wird einem klar, dass man lernen muss, bevor es losgeht. 

Im Fall der Freiheit begrüßen wir sehr gerne alle Rechte, die sie uns verspricht. Was wir nicht lernen oder nicht wahrhaben wollen, sind die Pflichten, damit es mit der Freiheit nicht an den Baum geht. 

Das unausgesprochene Gebot zur Pflichterfüllung wird jedoch seit Jahrzehnten als altmodisch und reaktionär verächtlich gemacht, hat dieses etwas mit Disziplin zu tun - einem Relikt aus preußischer Tradition, mit dem man aus vermeintlich historischer Verantwortung gerne brechen will. Genauso gut könnte man auch mit den vier Jahreszeiten brechen wollen, doch dazu müsste man ebenso wie mit der Disziplin woanders hin reisen. 

Besonders in Schwierigkeiten erweist sich die Fähigkeit zur Demut, zur disziplinierten Erfüllung der Gebote der Stunde als eine Tugend, die ein Volk vor Unheil bewahren kann - besser als die unter Gejammer gefühlten angeblichen Entbehrungen beim kurzfristigen Verlust der Spaßgesellschaft. Die Erbärmlichkeit egoistischer Verhaltensweisen kommt besonders dort zum Tragen, wo eigentlich Solidarität wirken sollte, weil das Ganze am Ende die Voraussetzung ist, dass das Einzelne überhaupt existieren kann. 

Liberalismus ist nur dann eine Lösung, wenn die Liberalen akzeptieren können, das Freiheit wie jede andere Sache auf der Welt auch eine Kehrseite hat. Und diese ist jetzt gefragt - Verantwortung.

Es gibt keinen guten oder eleganten Weg aus dieser Krise. Es wird immer weh tun und es wird immer irgendwelche Gruppen besonders hart treffen. Fakt ist, einfach laufen zu lassen, kann man es nicht.

Bei einer Gruppe fällt mir besonders auf, welche Endzeitstimmung herrscht und weil ich zwei Jahrzehnte selbst dazu gehört habe, will ich auch dazu etwas sagen:


Ohne Kunst und Kultur würde es still. 

Das ist korrekt. Was die Community allerdings meint, ist, dass es ohne Künstler still würde, deren Kunst wir konsumieren. Das ist allerdings nicht korrekt, denn wir können Kunst und Kultur konsumieren, genießen und machen. Nur eben grad nicht zur massenhaften Belustigung, sondern jeder für sich. 

Traurig ist, dass für die Künstlerschaft möglicherweise die Existenz gefährdet ist, weil die Art des Broterwerbs auf „Menschenmassen“ angewiesen ist. Nun schwebte die Künstlerschaft ja Jahrzehnte auf goldenen Wolken - abgehoben vom „Mob“ - und nun kommt heraus, dass Kunst und Kultur eine Basis haben: Krisenfreiheit. 

An dieser Stelle ist individuell zu überlegen, ob man eher die Art des Broterwerbs ändert oder auf die Solidarität der Konsumenten hofft (oder, wie in Europa auf den Staat). Ich denke, dass man sowohl von der egoistischen Masse im Stich gelassen wird als auch vom Staat. Also Künstler - Zeit etwas Neues zu beginnen, wenn das Eingemachte aufgebraucht ist. 

Die Künstlerschaft der Gegenwart kennt im Prinzip nur gute Zeiten. Gefeiert, gehyped, abgehoben ... jetzt lernt sie, dass eine Krise ihre Fähigkeiten obsolet macht. Vor 1000 Jahren, als Krise ein Dauerzustand war, musste der Künstler für schlechte Zeiten vorsorgen. Der Grund, warum Künstler (auch Sportler) so viel „verdienen“ ist nicht, dass sie es verdient haben, sondern, dass sie in Krisenzeiten davon leben können. 

Das ist die Lektion der Gegenwart. 

Manche „Künstler“ waren auch der Ansicht, dass man sich mit der Kunst eben grad so über Wasser halten könne, weil man eben das Zeug zum Superstar nicht hat. Nun stellt sich heraus, dass dieser Lebensentwurf „gute Zeiten“ zur Voraussetzung hat und da ist eben Umdenken angesagt.

 

Ich gehe zum Beispiel arbeiten und mache meine Kunst trotzdem. Also wird es auch nicht still.

 

Fazit: Man kann den Regierenden alles Mögliche vorwerfen und irgendwie hat man damit auch recht - besonders schwerwiegend ist, dass der parlamentarische Weg nach dem exekutiven Weg beschritten worden ist, was die Akzeptanz in der Bevölkerung natürlich beschädigt. Das kann man aber schnell ändern, denke ich.

Problematischer finde ich, ist der Umgang mit den Menschen, die sich der Realität oder der Ansicht der Mehrheit weiterhin verweigern und durch ihr Verhalten nachweislich andere Menschen in Gefahr bringen können. Dafür haben wir in unserem Rechtssystem ebensowenig Pläne wie für Menschen, die aus extremen Weltanschauungen heraus dieser freien Gesellschaft den Krieg erklären. 

Hier wartet eine harte aber notwendige Debatte auf den Gesetzgeber, denn „Notstand“ herrscht eben nicht nur in Bezug auf Gesundheit, sondern auch in Bezug auf Sicherheit. Beide Probleme sind in der Hoheit des Staates, für den die arbeitenden Menschen horrende Summen ausgeben. Es wird Zeit zu liefern - damit meine ich keine Lippenbekenntnisse, sondern praktisches Handeln. Dies würde auch dazu beitragen, extremen Kräften im Land den Nährboden zu entziehen.