Scheinheiligkeit als Feigenblatt

Scheinheiligkeit als Feigenblatt
In der aktuellen Debatte um rechtsextreme Chatgruppen innerhalb der Sicherheitskräfte steht Entrüstung an der ersten Stelle politischer Reaktionen, verbunden mit dem Versprechen schonungsloser Offenlegung und Verfolgung. Das hören wir immer, wenn es darum geht, die Volksseele zu beruhigen.
Nun liegt das eigentliche Problem aber viel tiefer, als man das publikumsgerecht und ohne Wähler zu verprellen darstellen kann. Da ich mir nicht anmaßen kann, den politisch Verantwortlichen dumme Ahnungslosigkeit zu unterstellen, wobei man sich in vielen Fällen natürlich fragen muss, warum man Böcke zu Gärtnern gemacht hat. Bei letzterem Phänomen ist die Antwort leicht - die Böcke lassen sich leichter manipulieren - sprich, wer keine Ahnung hat, braucht Beratung. Beratung ist das Einfallstor für Lobbygruppen in die Politik und eines der Hauptübel einer angeblichen Herrschaft des Volkes. Darüber möchte ich heute nicht sprechen.
Mein Thema ist die vorgespielte Ahnungslosigkeit oder Überraschung durch die Männer und Frauen vor den Mikrofonen, wenn ein Skandal, wie oben genannt, nun in den Medien ist. „Ooops, wir haben Nazis in den Reihen der Polizei? Ich bin fassungslos!“ Das ist in etwa die gleiche Masche, die man benutzt, wenn die Kinder begriffen haben, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Man will nicht zugeben, dass man es wusste und tut überrascht. Schlimm genug, dass man ein Volk auf dem Niveau von Kindern wähnt - wobei das angesichts medialer Trash-Formate und der föderal verschuldeten Bildungsabwärtsspirale kein Wunder wäre. Nun hält sich in der bewährten „Brot-und-Spiele-Strategie“ die Fülle des ablenkenden Amüsements grade in Grenzen und schwupp - stehen die Nazi-Cops auf Platz 1 in den Medien.
Blöd ist eben nur, dass niemand den Verantwortlichen abkauft, diese Tendenz nicht geahnt, gewusst oder deren Ausbreitung bewusst verhindert zu haben. An dieser Stelle ist es wichtig, eine klare Kausalkette aufzustellen und nicht an der Stelle zu beginnen, wo Frau Holle der faulen Marie das Pech über die Birne kippt.
Ich denke, dass man davon ausgehen kann, dass die Sicherheitsbehörden aufpassen, dass sie keine Nazis einstellen. Selbst wenn der eine oder andere braune Geist sein Ansinnen verschleiern kann und durch die Überprüfungen rutscht, ist doch viel interessanter, wie es sein kann, dass sich Beamte im Dienst radikalisieren. Das Phänomen sehen wir im KSK, in der GSG 9, bei der Polizei und natürlich auch bei der regulären Bundeswehr. Bei Letzterer ist die Lösung einfach und die heißt - Wiedereinführung der Wehrpflicht. Das ist nicht nur ein wichtiger sicherheitspolitischer Aspekt, sondern auch ein patriotisches Opfer junger Menschen für die Gesellschaft, die ihnen ein Leben in Saus und Braus bietet. Der Nebeneffekt ist, dass die Quote der Extremisten eben dem in der Gesellschaft entspricht und nicht zum prekären Sammelbecken orientierungsloser Waffenfans wird, wie wir das in allen Söldnerarmeen der Welt beobachten können.
Wehrpflicht geht nun aber bei der Polizei nicht und auch nicht bei den Spezialkräften. Die Ursache für die Radikalisierung Einzelner geht noch tiefer und hat etwas mit den Aufgaben der Männer und Frauen zu tun, die ihnen die Politik stellt. Es hat etwas damit zu tun, wie ihr Dienst anerkannt wird und wie man die Effekte der eigenen Arbeit beurteilt.
An dieser Stelle hat die tendenziell linke Politik der letzten zwei Jahrzehnte erheblich dazu beigetragen, dass Frustration gegenüber den Arbeitsbedingungen und gegenüber den Ergebnissen der Arbeit radikal zunehmen mussten. Polizisten werden mehr und mehr verheizt - sie werden schlecht ausgerüstet, schlecht bezahlt, sie werden schlecht geschützt oder dürfen sich nur unzureichend selbst schützen, sie werden politisch aus den Reihen der Parlamente angegriffen, der Ruf der Polizei wird durch Medien und linksgrünen Mainstream immer weiter in den Dreck gezogen. Und wenn du hunderte Überstunden hast, deine eigenen Leute bei Einsätzen verletzt werden, die Täter wieder auf freien Fuß kommen, weil die Kuscheljustiz sie wieder laufen lässt, bleiben die wenige Optionen: du kannst verfassungstreu krank oder verletzt werden, du kannst Drogen nehmen, dich krank melden oder du findest ein anderes Ventil, Frust abzulassen. Die Verirrten unter den Polizisten wählen nun den rechtsextremen Weg - weil sie dort noch Verbündete wähnen und Anerkennung.
Solange sich dieser Staat, seine Menschen, alle Parteien nicht schützend aktiv vor ihre Staatsdiener stellen, wird dieser Prozess nicht anhalten. Leider scheint es vielen Verantwortlichen preisgünstiger zu sein, ein paar Polizisten zu opfern, rechnet man aus, was eine strukturelle, personelle und materielle Erneuerung der Polizei kosten würde. Das Ringen um die besten Köpfe und Charaktere gewinnt man nicht, wenn die Arbeitsbedingungen derart mies sind wie heute.
Man erntet immer, was man säht. „Wir schaffen das!“, ist eine Durchhalteparole, die an Krieg erinnert - sie kann missverstanden werden. Wir schaffen es nur, wenn Sachverstand, Realpolitik, und das Mitnehmen der Mehrheit - Wunschdenken, Moralpolitik und ausschließliche Opferhörigkeit der Politik ablösen.