Krise: Es geht kaputt, was nicht nötig ist.

Krise: Es geht kaputt, was nicht nötig ist.

 

Natürlich ist es vermessen zu glauben, dass wir nun ausgerechnet die Generation sein werden, die ungeschoren durch die Geschichte segeln kann. Die Anzeichen dafür, dass es immer „enger“ wird, waren nach der Finanzkrise 2009 und spätestens mit der Flüchtlingskrise 2015 nicht mehr zu ignorieren, spaltete Letztere die Gesellschaft nachhaltig. Dass nun ausgerechnet ein Virus unsere Verletzlichkeit vor Augen führen würde, uns vom Thron der Überheblichkeit stoßen und in einer rasenden Geschwindigkeit zum Umdenken bringen würde, ist bedauerlich. Der so viel gelobte Verstand der Menschen war es nicht, der uns zur Besinnung bringen würde, sondern die Unfähigkeit, diesen zu benutzen.

 

 

Die Politik stellt sich in diesen Tagen hin und predigt die Formel, dass Gesundheit das Primat haben würde. Das ist eine prima Erkenntnis, nur kommt sie um Monate zu spät. Drastische Maßnahmen, wie wir sie derzeit in Italien erleben und bald auch in Deutschland, wären unnötig, wenn man nach Ausbruch des Virus in China die Reißleine gezogen hätte und sämtliche physikalischen Verbindungen gekappt hätte. Die Sorge um die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Maßnahme waren der Grund, warum man beschwichtigt hat, um nun zu merken, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise stärker sind, als die befürchteten seinerzeit.

Selbst wenn nun erkannt worden ist - dass man das Virus nicht aufhalten kann (fatale Erkenntnis (wie in der Medizin), weil man bei der Früherkennung nicht zum handeln bereit war) - gibt es nun Durchhalteparolen, die vor Zynismus strotzen:

„Der Höhepunkt der Epidemie werde im Sommer erreicht. Bis dahin werden 3/4 aller Menschen immun sein.“ Das heißt, dass 3/4 aller Menschen erst einmal krank werden müssen. 

„Atemschutzmasken helfen nicht.“ Während man in anderen Teilen der Welt, die offenbar diese Erkenntnis der Deutschen nicht wahr haben wollen, fast ausschließlich Menschen mit Atemschutzmasken sieht, braucht das der deutsche Mensch nicht. Nicht, dass er immun wäre - wir müssen uns das einreden - wir haben einfach keine Schutzausrüstung in Deutschland - nicht einmal für alle Menschen im Gesundheitsbereich - vom Zivilisten ganz zu schweigen. Jahrzehnte langes kaputt sparen von Vorsorge, Zivilschutz und der Abbau von Lagerung haben uns angreifbar gemacht.

 

Die Erkenntnis, dass Nähe zu Menschen dieses Virus überträgt, kommt unterschiedlich stark in den Gehirnen der Entscheidungsträger an. Das mag eine Frage der Intelligenz sein oder der politischen Abhängigkeiten - jedoch ist diese Unterschiedlichkeit in der Auffassungsgabe, gepaart mit dem Unwillen oder der Unfähigkeit zu handeln, ein Beschleuniger der Ausbreitung der Epidemie, die man ja vollmundig eindämmen will. 

Die Ursache für die Unentschlossenheit der lokalen Behörden liegt darin, dass sie Macht besitzen und nicht Teil einer in Krisenfällen zentralen Exekutive sind. Würde man im militärischen Verteidigungsfall, jedem Landkreis überlassen, die „Empfehlungen“ von oben einzuhalten, könnte man ruhigen Gewissens die Weiße Fahne hissen. Dass wir es hier mit einem gesundheitlichen Verteidigungsfall zu tun haben, ist in der Verfassung nicht vorgesehen und der Zugriff im Seuchenfall, hängt von lokaler Intelligenz ab. 

Unabhängig davon, dass der deutschen Föderalismus nach 1945 auch ein Mittel der Siegermächte war, dieses Land klein zu halten, muss man überdenken, wie schnell nationale Regelungen „angeordnet“ werden können, wenn die Not es erforderlich macht. Es dauert viel zu lange, bis sich Behörden „abgestimmt“ haben. Was in Friedenszeiten recht und billig ist, ist im „Krieg gegen die Seuche“ gefährlich.

 

Möglicherweise spielen ökonomische Überlegungen bei den Mächtigen nun aber doch wieder eine Rolle und bei den Bekundungen, „man müsse besonders die älteren Generationen schützen“, kann man den gleichen Eindruck gewinnen, den man hat, wenn ein Vorstand eines Profivereins sich zum Trainer bekennt. Dort ist es ein Anzeichen dafür, dass man bereit ist, diesen zu opfern. Da das Virus nur die Älteren heftig zu treffen scheint, scheint der wirtschaftliche Schaden, den man anrichten würde, wenn man die Schulen und Universitäten schließt, größer, als wenn ein paar tausend Senioren oder Menschen mit Vorerkrankungen die Sozialkassen weniger belasten würden. Natürlich kann man das so nicht laut sagen - deshalb steht die Politik ja auch voll hinter den Älteren.

 

Da mit unserem romantisch verklärten Blick auf die Allmacht des Staates eine Enttäuschung nach der anderen verbunden ist, weil jedes Volk natürlich die Regierung bekommt, die es verdient, bleiben uns aber dennoch ein paar Erkenntnisse, die man uns (hoffentlich) nicht aberziehen konnte, so sehr man mit der Spaßgesellschaft auch dagegen gearbeitet hat:

  1. Wir müssen zu keinen Veranstaltungen hingehen, auch wenn sie immer noch erlaubt sind. Wir kommen auch ein paar Wochen ohne nennenswerte direkte soziale Kontakte aus, weil es immer noch andere Kommunikationsmittel gibt. Es gibt keinerlei Events, die es wert sind, seine Gesundheit oder die anderer aufs Spiel zu setzen.
  2. Wir können uns gegenseitig helfen, wenn es Probleme gibt - in der Familie, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis - dazu brauchen wir keine Aufforderung des Staates. Dazu gehört auch, zu Hause zu bleiben, wenn man krank ist.
  3. Weder das ignorieren der Tatsachen (Esoterik, Religion, Fatalismus) noch Panik wird uns weiterhelfen, sondern die nüchterne Analyse, was vernünftig ist und was dumm.

 

Die Krise trifft die Welt zu einem Zeitpunkt, an dem es so schien, als wäre der globale Wahnsinn nicht aufzuhalten. Siehe da, ist die Luft über China sauber - geht die Welt nicht unter, wenn wir unseren Arsch nicht ständig in der Welt herum bewegen müssen. Möglicherweise nutzen wir die Zeit der Abschottung zu inneren Einkehr und zur Beantwortung der Frage, was wirklich wichtig ist. Sollte der Spuk vorbei gehen, spielt die Bundesliga wieder und man kann sich wieder um die Probleme des „Bachelors“ oder GNTM kümmern. Möglicherweise gehen in der Krise die Dinge kaputt, die nicht nötig sind. Leider wird das immer auf dem Rücken menschlicher Opfer ausgetragen.